Stadtentwicklung

Wie verändert sich Goslar? Welche Entwicklungen zeichnen sich bereits heute ab und welche Folgen könnten sie in Zukunft haben? In dieser Kategorie geht es um Stadtentwicklung, Wohnraum, Infrastruktur, Leerstand, Demografie, Wirtschaft und die langfristige Entwicklung der Innenstadt. Ziel ist es, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Fragen zu diskutieren, die für die Zukunft Goslars von Bedeutung sind.

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    Serie: Was kostet die Wärmewende in der Goslarer Altstadt?


    Teil 1: Was kostet allein der Erhalt der Goslarer Altstadt?

    Noch bevor ein einziges Haus klimaneutral heizt

    Die Goslarer Altstadt ist schön. Das wissen wir. Sie ist UNESCO-Welterbe, lockt Touristen an und macht sich hervorragend auf Postkarten.

    Was auf den Postkarten meistens fehlt: Hinter vielen dieser schönen Fassaden stehen Eigentümer, die versuchen, jahrhundertealte Häuser irgendwie zusammenzuhalten. Und zwar mit echtem Geld. Nicht mit Welterbe-Romantik.

    Nach Angaben der Stadt gibt es in der Goslarer Altstadt rund 1.500 Fachwerkhäuser aus unterschiedlichen Epochen. Im städtischen Sanierungshandbuch ist von etwa 1.500 Hauptgebäuden in Fachwerkbauweise die Rede. Wir sprechen also nicht über ein paar besonders alte Vorzeigehäuser rund um den Markt. Wir sprechen über einen wesentlichen Teil der gesamten Altstadt.

    Wie ist der Zustand dieser Häuser?

    Eine vollständige und aktuelle Untersuchung aller 1.500 Gebäude gibt es öffentlich bislang nicht. Es gibt aber eine ausführliche städtische Untersuchung für den südöstlichen Teil der Altstadt.

    Dort wurden insgesamt 398 Gebäude betrachtet. Das Ergebnis:

    Festgestellter ZustandAnzahl GebäudeAnteil
    hoher Sanierungsbedarf6015 %
    mittlerer Sanierungsbedarf5714 %
    geringer Sanierungsbedarf18647 %
    kein festgestellter Bedarf9524 %
    Gesamt398100 %

    Damit hatten 303 von 398 Gebäuden irgendeinen festgestellten Sanierungsbedarf. Das sind rund 76 Prozent. Bei 117 Gebäuden, also knapp 30 Prozent, wurde der Bedarf als mittel oder hoch eingestuft.

    Man muss allerdings wissen, wie diese Untersuchung durchgeführt wurde: Die Gebäude wurden im Wesentlichen von außen betrachtet. Eine Untersuchung der Innenräume, der Heizungen, der Leitungen oder möglicher verdeckter Schäden fand nicht statt.

    Das bedeutet: Ein Haus konnte von außen ordentlich aussehen und trotzdem eine alte Heizung, ungedämmte Decken, feuchte Balkenköpfe oder andere teure Überraschungen haben. Fachwerk ist in dieser Hinsicht ein bisschen wie eine Wundertüte. Nur meistens ohne Spielzeug.

    Was kostet die normale Sanierung?

    Für die Untersuchung wurden drei pauschale Kostenansätze verwendet:

    • geringer Sanierungsbedarf: durchschnittlich 15.000 Euro,
    • mittlerer Sanierungsbedarf: durchschnittlich 50.000 Euro,
    • hoher Sanierungsbedarf: durchschnittlich 100.000 Euro.

    Für die 398 untersuchten Gebäude ergab sich daraus ein geschätzter privater Sanierungsbedarf von insgesamt 12,925 Millionen Euro. Die Stadt bezeichnet diese Werte selbst als Orientierungswerte. Es handelt sich also nicht um 398 einzelne Handwerkerangebote, sondern um eine städtebauliche Kostenschätzung.

    Überträgt man diese Verteilung rein rechnerisch auf die rund 1.500 Fachwerkhäuser der Altstadt, ergibt sich:

    12,925 Mio. Euro für 398 Gebäude
    entspricht für die ganze Altstadt (1500 Gebäude)
    = 48,7 Mio. Euro

    Wir kommen damit auf ungefähr 49 Millionen Euro – und zwar auf dem damaligen Preisniveau der Untersuchung.

    Diese 49 Millionen Euro sind noch keine energetische Sanierung. Darin steckt keine flächendeckende Dämmung, keine Wärmepumpe und keine Pelletheizung. Es geht zunächst nur darum, Schäden zu beseitigen und die Gebäude instand zu halten.

    Anders gesagt:

    Bevor wir darüber sprechen, wie die Altstadt in Zukunft beheizt wird, steht bereits eine Rechnung von grob 49 Millionen Euro im Raum.

    Und weil Bauleistungen seit der Untersuchung nicht gerade günstiger geworden sind, dürfte die heutige Rechnung höher liegen. Das Statistische Bundesamt weist auch für 2025 und 2026 weitere Preissteigerungen bei Bau- und Instandhaltungsarbeiten aus. Eine aktuelle Goslarer Gesamtkalkulation gibt es jedoch nicht.

    Was sagt uns diese Rechnung?

    Sie sagt nicht, dass morgen exakt 49 Millionen Euro fällig werden. Sie sagt auch nicht, dass jedes einzelne Fachwerkhaus sanierungsbedürftig ist.

    Sie zeigt aber eine Größenordnung:

    Der Erhalt der Goslarer Altstadt ist bereits ohne Wärmewende eine Aufgabe im hohen zweistelligen Millionenbereich.

    Und diese Aufgabe wird überwiegend auf viele einzelne Eigentümer verteilt. Der eine muss das Dach machen, der nächste die Fassade, ein anderer die Fenster, wieder jemand entdeckt beim Öffnen einer Wand einen Balken, der seine tragende Tätigkeit offenbar schon vor Jahren eingestellt hat.

    Das Welterbe ist öffentliches Kulturgut. Die Rechnungen dafür landen trotzdem sehr häufig im privaten Briefkasten.

    Im nächsten Teil geht es deshalb um die nächste Rechnung: Was kostet eigentlich eine neue Heizung – Wärmepumpe oder Pellets – wenn das Haus ansonsten schon geeignet wäre?

    Quellen und Rechenhinweise

    Grundlage für den Gebäudebestand sind die Angaben der Stadt Goslar zu rund 1.500 Fachwerkhäusern beziehungsweise Hauptgebäuden in Fachwerkbauweise.

    Grundlage für die Zustandsverteilung und die ursprünglichen Kosten ist die städtische „Vorbereitende Untersuchung – Altstadt südöstlicher Teil“. Die Hochrechnung auf 1.500 Gebäude ist eine eigene lineare Szenariorechnung und keine Vollerhebung der Altstadt.


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    Zu spät reagiert? Was in Goslar bereits sichtbar wird

    Es war nur ein Gedankenspiel – bis man genauer hinschaut

    In den letzten Tagen ging es um eine einfache Frage:
    👉 Was passiert eigentlich, wenn Denkmalschutz immer teurer wird?

    Die Überlegung war:

    • steigende Kosten
    • steigende Mieten
    • weniger Nutzung

    Am Ende die Sorge:
    👉 Verliert die Innenstadt langsam ihr Leben?

    Heute muss man sagen:
    Das ist keine theoretische Frage mehr.

    Die Hinweise sind längst da

    In Goslar wird bereits aktiv gegen Leerstand gearbeitet.

    • Die Stadt betreibt ein eigenes Leerstandsmanagement
    • Es gibt Programme, um leere Geschäfte wieder zu füllen
    • Teilweise werden sogar Mieten subventioniert, um Nutzung zu ermöglichen

    👉 Das macht man nicht vorsorglich.
    👉 Das macht man, wenn das Problem schon existiert.

    Konkrete Beispiele aus der Innenstadt

    Auch einzelne Fälle zeigen das gleiche Bild:

    • Gebäude stehen über längere Zeit leer
    • Nachnutzungen sind schwierig
    • Investitionen werden hinausgezögert

    Gleichzeitig gibt es Berichte über extrem hohe Kosten:

    • Sanierungen, die wirtschaftlich kaum darstellbar sind
    • einzelne Maßnahmen im fünfstelligen Bereich – nur für Teilbereiche wie Fenster

    👉 Das ist kein Einzelfallproblem.
    👉 Das ist ein strukturelles Signal.

    Das Muster dahinter

    Wenn man die Punkte zusammensetzt, ergibt sich ein klares Bild:

    1. Denkmalschutz erhöht die Kosten
    2. Investitionen werden schwieriger
    3. Nutzung wird eingeschränkt
    4. Gebäude stehen leer oder verfallen

    👉 Die Innenstadt wird nicht nur teurer – sie wird gleichzeitig schwächer genutzt.

    Das eigentliche Risiko

    Das Problem ist nicht, dass alles luxuriös wird.
    Das Problem ist gefährlicher:

    • einzelne Bereiche werden teuer
    • andere bleiben ungenutzt
    • die Stadt verliert Stück für Stück ihre Funktion

    👉 Es entsteht keine lebendige Innenstadt – sondern eine Mischung aus teuren Inseln und leeren Räumen.

    Haben wir zu spät reagiert?

    Die entscheidende Frage ist unbequem:
    👉 Haben wir das Problem zu lange unterschätzt?

    Denn vieles deutet darauf hin:

    • Die Kosten sind bekannt
    • Die Schwierigkeiten bei Sanierungen auch
    • Der Leerstand ist sichtbar

    Und trotzdem wurde lange vor allem eines getan:
    👉 weiter reguliert – aber nicht ausreichend ausgeglichen

    Was jetzt klar wird

    Die bisherigen Gedanken waren keine Übertreibung.
    Sie beschreiben ziemlich genau das, was sich bereits abzeichnet:

    👉 steigende Anforderungen
    👉 wirtschaftlicher Druck
    👉 erste Leerstände
    👉 schwierige Nutzung

    Die eigentliche Aufgabe

    Jetzt geht es nicht mehr darum, das Problem zu erkennen.
    Sondern darum, es zu lösen.

    👉 Wir müssen Denkmalschutz so organisieren, dass er funktioniert.
    Das bedeutet:

    • wirtschaftlich tragfähig
    • nutzbar für Menschen
    • lebendig für die Stadt

    Fazit

    Die Entwicklung, vor der gewarnt wurde, hat bereits begonnen.
    Noch ist sie nicht unumkehrbar.
    Aber sie ist sichtbar.

    👉 Die Frage ist nicht mehr, ob wir handeln müssen – sondern wie schnell.

    Schlussgedanke

    Eine Stadt stirbt nicht plötzlich.

    Sie wird langsam leerer.

    Und genau deshalb fällt es oft zu spät auf.