Heizung rein, Schalter um, fertig? Schön wär’s.
Goslarer Fachwerkhäuser sind keine modernen Häuser mit einer hübschen alten Fassade davor.
Viele Außenwände bestehen aus vergleichsweise schlanken Holzbalken, dazwischen einem Gefach und innen wie außen etwas Putz. Die gesamte Wand ist teilweise nicht wesentlich stärker als 18 oder 20 Zentimeter.
Das war damals eine normale Bauweise. Gebaut wurde mit dem Material und dem Geld, das vorhanden war. Die Bewohner des 17. oder 18. Jahrhunderts haben dabei erstaunlicherweise nicht an die Luft-Wasser-Wärmepumpe des Jahres 2026 gedacht.
Was muss ein Haus für eine Wärmepumpe können?
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Ist das Haus alt?
Sondern:
Wird das Haus an einem sehr kalten Tag mit höchstens ungefähr 55 Grad warm?
Dafür müssen drei Dinge zusammenpassen:
- Das Gebäude darf nicht mehr Wärme verlieren, als die Heizung nachliefern kann.
- Die Wärmepumpe muss ausreichend groß dimensioniert sein.
- Die Heizkörper oder anderen Heizflächen müssen die Wärme bei niedriger Temperatur in die Räume bringen.
Ein Reihenmittelhaus kann dabei günstiger sein als ein freistehendes Haus. Es hat weniger Außenwandfläche. Ein Eckhaus oder ein Gebäude mit freiem Giebel verliert dagegen mehr Wärme.
Deshalb ist eine pauschale Aussage wie „Fachwerk geht nicht mit Wärmepumpe“ genauso unseriös wie „Wärmepumpe geht immer“.
Was kann man an einem Fachwerkhaus verbessern?
Das Goslarer Sanierungshandbuch nennt unter anderem:
- Dämmung der obersten Geschossdecke,
- Dämmung des Daches,
- Dämmung von Kellerdecke oder Fußboden,
- Aufarbeitung oder Verbesserung der Fenster,
- Innendämmung von Fachwerkwänden,
- Optimierung der Heizungsanlage,
- hydraulischen Abgleich,
- Anpassung der Wärmeverteilung.
Eine Außendämmung kommt bei sichtbarem Fachwerk häufig nicht infrage. Dann bleibt vielfach nur die Innendämmung.
Und die ist kein Heimwerkerprojekt für einen verregneten Samstag.
Das Goslarer Handbuch weist darauf hin, dass eine Innendämmung bauphysikalisch anspruchsvoller ist als eine Außendämmung. Feuchtigkeit, Schlagregen, Wärmebrücken, Fensteranschlüsse und die vorhandene Konstruktion müssen genau untersucht werden. Fehler können dazu führen, dass sich Feuchtigkeit im Wandaufbau sammelt und Schäden am Holz entstehen.
Dazu kommen die praktischen Arbeiten:
- Innenputz entfernen und erneuern,
- Steckdosen und Leitungen versetzen,
- Fensterlaibungen bearbeiten,
- Heizkörper ab- und wieder anbauen,
- Fußleisten und Einbaumöbel anpassen,
- teilweise Wohnfläche verlieren,
- Räume während der Arbeiten nicht nutzen können.
Die Dämmplatte selbst ist dabei manchmal noch der billigste Teil. Teuer wird das Leben rundherum.
Was zeigt das eigene Goslarer Sanierungsbeispiel?
Das städtische Handbuch beschreibt die Sanierung des denkmalgeschützten Fachwerkhauses Kornstraße 78, das ungefähr 1760 gebaut wurde.
Dort wurden unter anderem Fachwerkwände von innen mit Holzfaserdämmung und Lehmputz versehen, die oberste Geschossdecke gedämmt, Fenster bearbeitet und die Heizungsanlage samt Leitungen erneuert.
Das rechnerische Ergebnis:
- Endenergiebedarf: 12 Prozent weniger,
- Transmissionswärmeverlust: 36 Prozent weniger,
- CO₂-Emissionen: 18 Prozent weniger,
- Brennstoffkosten: 18 Prozent weniger.
Das ist eine Verbesserung. Aber es ist eben keine Halbierung des Energieverbrauchs.
Und besonders wichtig:
Das Beispiel weist nicht nach, dass das Haus anschließend mit höchstens 55 Grad Vorlauftemperatur betrieben werden konnte.
Im Sanierungsbeispiel wurde eine Gas-Brennwertheizung eingebaut. Ob eine Wärmepumpe dort wirtschaftlich arbeiten würde, wurde nicht dokumentiert.
Das macht das Beispiel für Goslar so interessant: Selbst eine aufwendige energetische Sanierung eines echten historischen Fachwerkhauses führt nicht automatisch zu einem nachgewiesen wärmepumpentauglichen Gebäude.
Was kostet die energetische Ertüchtigung?
Hier wird die Datenlage schwieriger. Es gibt keine öffentlich zugängliche Untersuchung, die für alle Goslarer Fachwerkhäuser ausrechnet, wie viel Geld jeweils bis zur 55-Grad-Tauglichkeit notwendig wäre.
Für eine Szenariorechnung können wir aber eine aktuelle Ariadne-Metaanalyse verwenden. Sie untersucht die energiebedingten Mehrkosten einer Modernisierung auf unterschiedliche Effizienzstandards.
Für ein Einfamilienhaus nennt sie bei einer Modernisierung auf ungefähr Effizienzhaus-115-Niveau zusätzliche energetische Kosten von rund:
380 Euro je Quadratmeter Wohnfläche.
Bei einem Modellhaus mit 150 Quadratmetern ergibt das:
150 m² x 380 Euro = 57.000 Euro
Der Wärmeerzeuger ist in dieser Summe ausdrücklich noch nicht enthalten.
Diese 57.000 Euro sind kein Goslarer Durchschnittspreis. Sie sind auch kein spezieller Fachwerkpreis. Manche Häuser benötigen weniger. Bei einem stark geschädigten oder besonders schwierig zu dämmenden Fachwerkhaus kann es deutlich mehr sein.
Für unsere spätere Rechnung ist der Wert trotzdem nützlich. Er liefert eine wissenschaftlich dokumentierte Größenordnung für den zusätzlichen energetischen Aufwand.
Die mögliche Rechnung für ein einzelnes Haus
Ein mittlerer Modellfall könnte dann ungefähr so aussehen:
| Kostenblock | Modellwert |
| normale Instandsetzung | je nach Zustand etwa 15.000–100.000 € |
| energetische Zusatzmaßnahmen | etwa 57.000 € |
| Wärmepumpe mit Heizflächenanpassung | etwa 48.000–53.000 € |
Damit kann ein sanierungsbedürftiges Fachwerkhaus schnell bei einer Gesamtbelastung von mehr als 100.000 Euro landen. Bei hohem allgemeinen Sanierungsbedarf sind auch ungefähr 150.000 Euro oder mehr denkbar.
Das bedeutet nicht, dass jedes Haus exakt 150.000 Euro kostet.
Es bedeutet:
Wer behauptet, die Wärmewende bestehe in der Altstadt nur aus dem Austausch einer Heizung, lässt einen ziemlich großen Teil der Rechnung unter den Tisch fallen.
Und unter dem Tisch ist in einem alten Fachwerkhaus meistens auch nicht unbegrenzt Platz.
Im vierten Teil rechnen wir die drei Kostenblöcke zusammen. Dann wird aus vielen fünfstelligen Einzelrechnungen eine Summe, die für die gesamte Altstadt politisch relevant wird.
Quellen und Rechenhinweise
Das Sanierungsbeispiel Kornstraße 78 und die dort berechneten Einsparungen stammen aus dem offiziellen Handbuch für die energetische Sanierung im Welterbe Altstadt von Goslar. Das Handbuch enthält keinen Nachweis einer Wärmepumpentauglichkeit des Gebäudes. Diese Einschränkung ist für die Bewertung wesentlich.
Der Wert von 380 Euro je Quadratmeter ist ein bundesweiter Modellwert für energiebedingte Mehrkosten auf ungefähr EH-115-Niveau. Er wird in dieser Serie als Szenariowert verwendet, nicht als festgestellter Goslarer Durchschnitt.
