Was eine dezentrale Wärmewende in der Altstadt kosten könnte – und was die Stadt jetzt beantworten muss
Wir haben in den ersten drei Teilen drei Rechnungen betrachtet:
- Was kostet es, die historischen Gebäude überhaupt instand zu halten?
- Was kosten neue Wärmepumpen oder Pelletheizungen?
- Was könnten zusätzliche energetische Maßnahmen kosten?
Jetzt rechnen wir das zusammen.
Nicht, weil wir damit auf den Euro genau wissen, was in jedem einzelnen Haus passiert. Sondern weil Politik auch dann rechnen muss, wenn noch nicht jedes Detail feststeht.
„Wir wissen es nicht ganz genau“ ist schließlich kein Grund, überhaupt nicht nachzurechnen. Sonst könnte man Haushaltsplanung auch durch Kaffeesatz ersetzen.
Die Grundlagen
Wir verwenden folgende öffentlich belegte Ausgangswerte:
- rund 1.500 Fachwerk-Hauptgebäude,
- in der untersuchten Teilfläche bei rund 76 Prozent irgendein festgestellter Sanierungsbedarf,
- hochgerechnet rund 48,7 Millionen Euro allgemeiner Sanierungsbedarf auf dem Preisniveau der städtischen Untersuchung,
- 48.300 bis 53.300 Euro für eine modellhafte Wärmepumpe einschließlich teilweisem Heizflächentausch,
- 57.000 Euro energetische Mehrkosten für ein 150-Quadratmeter-Modellhaus auf ungefähr EH-115-Niveau.
Die größte Unsicherheit besteht bei der energetischen Ertüchtigung. Die städtische Zustandsuntersuchung beschreibt sichtbare Bauschäden. Sie sagt nicht, welche Häuser bereits mit 55 Grad Vorlauftemperatur auskommen.
Solange es keine lokale energetische Bestandsaufnahme gibt, müssen wir deshalb mit Szenarien arbeiten.
Szenario 1: die zurückhaltende Rechnung
Wir nehmen an:
- allgemeiner Sanierungsbedarf auf dem alten Preisniveau: 48,7 Millionen Euro,
- Wärmepumpe für alle 1.500 Gebäude zum unteren Modellpreis: 72,5 Millionen Euro,
- energetische Ertüchtigung nur bei den rechnerisch rund 441 Gebäuden mit mittlerem oder hohem Sanierungsbedarf: 25,1 Millionen Euro.
| Kostenblock | Summe |
| allgemeine Sanierung | 48,7 Mio. € |
| Wärmepumpen | 72,5 Mio. € |
| energetische Ertüchtigung | 25,1 Mio. € |
| Gesamt | 146,3 Mio. € |
Das ist eine sehr zurückhaltende Modellrechnung. Sie unterstellt, dass bei mehr als 1.000 Gebäuden keine größeren energetischen Zusatzmaßnahmen erforderlich sind.
Das wäre schön. Ob es realistisch ist, wissen wir nicht.
Szenario 2: die mittlere Rechnung
Jetzt nehmen wir an:
- allgemeiner Sanierungsbedarf: 48,7 Millionen Euro,
- Wärmepumpen zum Mittelwert von etwa 50.800 Euro: 76,2 Millionen Euro,
- energetische Ertüchtigung bei den rechnerisch rund 1.142 Gebäuden, die in der hochgerechneten Zustandsverteilung irgendeinen Sanierungsbedarf hätten: 65,1 Millionen Euro.
| Kostenblock | Summe |
| allgemeine Sanierung | 48,7 Mio. € |
| Wärmepumpen | 76,2 Mio. € |
| energetische Ertüchtigung | 65,1 Mio. € |
| Gesamt | 190,0 Mio. € |
Allerdings verwenden wir bei der normalen Sanierung noch das Preisniveau der ursprünglichen städtischen Untersuchung, während Wärmepumpe und energetische Maßnahmen bereits auf einem neueren Preisniveau liegen.
Die 190 Millionen Euro sind deshalb kein sauberer heutiger Endpreis, sondern eher die rechnerische Unterkante eines mittleren Szenarios.
Wie entstehen die rund 216 Millionen Euro?
Für eine grobe Aktualisierung erhöhen wir den alten Sanierungsblock von 48,7 auf etwa 74,6 Millionen Euro.
Das entspricht einer Preissteigerung von etwas mehr als 50 Prozent. Diese Fortschreibung ist keine neue Goslarer Kostenermittlung. Sie ist eine grobe Annahme, die den starken Anstieg der Baupreise seit 2020 berücksichtigt. Auch die jüngsten Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes zeigen weiterhin steigende Preise für Bau- und Instandhaltungsarbeiten.
Dann ergibt sich:
| Kostenblock | Summe |
| allgemeine Sanierung, grob fortgeschrieben | 74,6 Mio. € |
| Wärmepumpen | 76,2 Mio. € |
| energetische Ertüchtigung | 65,1 Mio. € |
| Gesamt | 215,9 Mio. € |
Gerundet sind das:
216 Millionen Euro.
Diese Zahl ist kein festgestellter Rechnungsbetrag. Sie ist ein mittleres Szenario mit offengelegten Annahmen.
Aber sie ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Jeder einzelne Kostenblock beruht auf einer städtischen Untersuchung oder einer aktuellen wissenschaftlichen Kostenanalyse.
Was bedeutet das für die Eigentümer?
216 Millionen Euro geteilt durch 1.500 Gebäude ergeben rechnerisch ungefähr:
144.000 Euro je Gebäude
Auch das ist kein Einheitspreis.
Ein bereits gut instand gesetztes Reihenmittelhaus kann deutlich darunterliegen. Ein Gebäude mit Dachschaden, feuchten Balken, ungedämmten Außenwänden, alten Fenstern und einer völlig ungeeigneten Heizungsanlage kann deutlich darüberliegen.
Die entscheidende Aussage lautet deshalb nicht:
Jedes Haus kostet genau 144.000 Euro.
Sondern:
Die dezentrale Sanierung und Umstellung der gesamten Fachwerkaltstadt kann ein privates und öffentlich gefördertes Investitionsvolumen in einer Größenordnung von 150 bis 240 Millionen Euro auslösen.
Der mittlere Arbeitswert liegt bei ungefähr 216 Millionen Euro.
Und dann kommt noch das Stromnetz
Luft-Wasser-Wärmepumpen funktionieren auch bei Frost. Sie hören nicht bei null Grad schlagartig auf zu arbeiten.
Aber je kälter es draußen wird, desto höher ist der Wärmebedarf der Häuser. Gleichzeitig muss die Wärmepumpe einen größeren Temperaturunterschied überwinden. Damit steigt ihr Strombedarf ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem viele Wärmepumpen gleichzeitig laufen.
Dazu kommen künftig mehr Elektroautos, Wallboxen und weitere elektrische Verbraucher.
Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass lokale Kabel und Transformatoren nicht überall für einen schnellen gleichzeitigen Hochlauf von Wärmepumpen und Ladeeinrichtungen ausgelegt sind. Sie hält einen vorausschauenden Ausbau der Verteilnetze deshalb für notwendig. Bei einer konkret drohenden örtlichen Überlastung dürfen Netzbetreiber neue steuerbare Anlagen zeitweise in ihrer Leistung begrenzen.
Auch Harz Energie plant erhebliche Investitionen. Das Unternehmen spricht von mehr als 120 Projekten innerhalb von zehn Jahren und von durchschnittlich rund 48 Millionen Euro Investitionsbedarf pro Jahr. Als Gründe nennt es unter anderem erneuerbare Energien, Elektromobilität, Wärmepumpen und neue Verbraucher.
Diese 48 Millionen Euro dürfen wir nicht einfach auf unsere 216 Millionen Euro draufschlagen. Sie betreffen das gesamte Netzgebiet und viele unterschiedliche Aufgaben.
Sie zeigen aber:
Die elektrische Wärmewende braucht nicht nur neue Geräte in den Kellern. Sie braucht auch Leitungen und Transformatoren draußen vor der Tür.
Ob dafür in der Altstadt Straßen geöffnet werden müssen, welche Leitungsabschnitte betroffen wären und welche Kosten konkret entstehen, muss der Netzbetreiber gebietsbezogen untersuchen.
Und genau da wird es politisch interessant.
Denn möglicherweise brauchen wir in den nächsten Jahren gleichzeitig:
- stärkere Stromleitungen,
- Ladeinfrastruktur,
- Glasfaser,
- Arbeiten an Wasser- und Abwasserleitungen,
- und vielleicht ein Wärmenetz.
Die Straße wird nicht breiter, nur weil wir vergessen haben, die Leitungen gemeinsam zu planen.
Was könnte ein Wärmenetz ändern?
Ein Wärmenetz könnte einen Teil der dezentralen Investitionen ersetzen. Statt 1.500 einzelner Wärmeerzeuger gäbe es eine gemeinsame Erzeugung und Hausübergabestationen.
Aber auch hier gibt es keinen Zaubertrick. Entscheidend ist die Temperatur des Netzes.
Das Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende unterscheidet:
- Hochtemperaturnetze mit mehr als 80 Grad,
- Niedertemperaturnetze mit weniger als 60 Grad,
- kalte Netze mit weniger als 50 Grad.
Ein Wärmenetz mit 70 oder 80 Grad könnte viele vorhandene Heizkörper wahrscheinlich leichter weiter versorgen.
Ein Netz mit nur 55 Grad würde das Grundproblem dagegen nicht vollständig lösen. Häuser, die heute 70 Grad brauchen, müssten trotzdem ertüchtigt werden. Dann hätten die Eigentümer zwar keine eigene große Wärmepumpe im Hof, aber möglicherweise weiterhin die Kosten für Heizkörper, Dämmung und andere Anpassungen.
Bei einem kalten Wärmenetz wäre sogar in jedem Gebäude wieder eine Wärmepumpe notwendig.
Deshalb muss die erste Frage an die Stadt lauten:
Mit welcher Vorlauftemperatur wird ein mögliches Wärmenetz für die Goslarer Altstadt geplant?
Was muss die Stadt offenlegen?
Die kommunale Wärmeplanung soll nach Angaben der Stadt bis Ende 2026 fertiggestellt werden. Sie trifft noch keine verbindlichen Entscheidungen für einzelne Gebäude. Auf den bislang veröffentlichten Seiten sind noch keine detaillierten Kosten, Trassen oder Temperaturen eines möglichen Altstadt-Wärmenetzes angegeben.
Für einen echten Vergleich benötigen wir mindestens:
- Welcher Teil der Altstadt könnte angeschlossen werden?
- Wie viele Gebäude und Wohneinheiten wären erreichbar?
- Mit welcher Anschlussquote wird gerechnet?
- Wie lang wäre die Leitungstrasse?
- Welche Vorlauftemperatur soll das Netz liefern?
- Welche Wärmequelle ist vorgesehen?
- Was kosten Netz, Heizzentrale, Speicher und Hausanschlüsse?
- Welche Arbeiten bleiben in den Gebäuden trotzdem notwendig?
- Wie hoch wären Grundpreis, Arbeitspreis und Anschlusskosten?
- Wie sehen die Gesamtkosten über 20 oder 30 Jahre aus?
- Welche Stromnetzverstärkungen wären bei der dezentralen Alternative notwendig?
- Können Straßen-, Strom-, Lade- und Wärmenetzarbeiten gemeinsam geplant werden?
Die politische Schlussfolgerung
Ein Wärmenetz ist nicht automatisch günstiger.
Eine Wärmepumpe ist nicht automatisch ungeeignet.
Eine Pelletheizung ist nicht automatisch die einfache Alternative.
Aber bevor möglicherweise ein Investitionsvolumen von rund 216 Millionen Euro auf viele einzelne Eigentümer, Mieter und öffentliche Förderprogramme verteilt wird, muss die Stadt die gemeinsame Lösung ernsthaft dagegen rechnen.
Nicht mit einer bunten Karte.
Nicht mit dem Hinweis, man sei noch in der Planung.
Sondern mit Temperaturen, Trassen, Anschlusszahlen und Kosten.
Denn am Ende geht es nicht nur um Klimaschutz. Es geht darum, ob Menschen weiterhin in der Altstadt wohnen können.
Ein Welterbe ohne Bewohner wäre zwar sehr ordentlich. Es wäre nur keine Stadt mehr.
Quellen und Rechenhinweise
Die Rechnung ist eine Szenarioanalyse. Sie verbindet lokale Bestands- und Sanierungsdaten mit bundesweiten Modellkosten. Sie ersetzt weder eine gebäudescharfe Untersuchung noch eine Machbarkeitsstudie für ein Wärmenetz.
Der Anteil von rund 76 Prozent sanierungsbedürftiger Gebäude stammt aus einer Teiluntersuchung. Er ist kein gemessener Anteil energetisch ungeeigneter Häuser. Seine Verwendung für die mittlere Rechnung ist daher eine vorläufige Annahme, die später durch tatsächliche Verbrauchs-, Heizlast- und Vorlauftemperaturdaten ersetzt werden muss.
Die rund 216 Millionen Euro setzen sich zusammen aus einer groben Fortschreibung der allgemeinen Sanierungskosten, einem mittleren Wärmepumpenpreis und modellhaften energetischen Mehrkosten. Fördermittel sind nicht abgezogen. Sie verändern die Finanzierung, nicht das gesamte Investitionsvolumen.
Die Angaben zu Wärmenetzarten stammen vom Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende. Die Angaben zum örtlichen Stromnetzausbau stammen von der Bundesnetzagentur und Harz Energie.
